Störungsbilder
Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörungen
Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS), auch Hyperkinetische Störungen (HKS) genannt, sind charakterisiert durch eine Kombination aus überaktivem, nicht der Situation angepasstem Verhalten und deutlicher Unaufmerksamkeit. Häufig besteht darüber hinaus ein impulsives Sozialverhalten. Die Symptome beginnen gewöhnlich vor dem 6. Lebensjahr, halten über ein halbes Jahr vor und treten in mehreren Lebenssituationen (z.B. zu Hause und in der Schule) auf. Wenn die Symptomatik zur Beeinträchtigung der Entwicklung der Kinder auf Grund einer großen Problematik führt, sprechen wir von einer Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung.
Mit Ausnahme der als „Träumer-ADS“ bezeichneten Unterform ohne Hyperaktivität und Impulsivität sind Jungen deutlich häufiger betroffen als Mädchen. Insgesamt leiden etwa 3 % der Kinder im Grundschulalter unter einer Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung.
Depressive Störungen
Depressive Störungen sind psychische Erkrankungen, die sich insbesondere auf die Stimmung, den Antrieb und die Aktivität beziehen. Die Patienten sind traurig und lustlos, was ihnen früher Freude bereitet hat, interessiert sie kaum noch. Das Denken ist oft verlangsamt, grüblerisch oder gehemmt. Konzentrationsstörungen treten auf, sodass es zu schulischem Leistungsabfall kommen kann. Negative Zukunftserwartungen überwiegen. Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, können auftreten. Dem Patienten fällt es schwer Aktivitäten zu beginnen oder weiter zu führen, sie sind schnell erschöpft. Vielfache körperliche Symptome wie Schlafstörungen, Appetitverlust, vegetative Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Schwindel und Verdauungsbeschwerden werden berichtet. Etwa 2 – 3 % der Kinder und 5 % der Jugendlichen leiden an einer depressiven Erkrankung. Die Formen der depressiven Erkrankung unterscheiden sich anhand der Schwere und Anzahl der Symptome sowie der Dauer und des Verlaufs der Erkrankungen.
Angststörungen
Bei Kindern gibt es typische Ängste, die in einem bestimmten Alter häufig auftreten. Beispiele dafür sind das Fremdeln im Alter von sechs bis neun Monaten oder die Angst vor Dunkelheit, Gewitter, bestimmten Tieren oder vor Ungeheuern im Alter zwischen zwei und vier Jahren. Diese Ängste gehen nach einigen Wochen und Monaten vorbei und müssen an sich kein Grund zur Besorgnis sein.
Zur Angststörung werden Ängste dann, wenn ein Kind oder eine Jugendliche darunter stark leidet und dadurch in seinem/ihrem alltäglichen Leben beeinträchtigt wird. Ein weiteres Kennzeichen einer Angststörung ist es, dass die Angst unangemessen stark ist, nicht zum Alter des Kindes passt und nicht in einem Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung steht.
Auf das Vorliegen einer Angststörung können Schlafstörungen, Alpträume, starker Rückzug, Flucht- oder Vermeidungstendenzen in bestimmten Situationen, die mit Weinen, Bauchweh, aber auch mit Wutanfällen oder Schreien einhergehen, hindeuten.
Störungen des Sozialverhaltens
Bei Kindern und Jugendlichen äußern sich Störungen des Sozialverhaltens durch aufsässiges, aggressives und impulsives Verhalten anderen gegenüber. Nicht selten tritt diese Störung in Verbindung mit einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auf.
Im Kindergarten und Grundschulalter stehen oppositionelles Verhalten und Impulsivität im Vordergrund. Die Kinder werden schnell wütend und können anderen gegenüber körperlich und verbal aggressiv werden. In der Schule und zu Hause fällt es ihnen schwer sich an die Regeln zu halten.
Im Jugendalter zeigen sich Störungen im Sozialverhalten ebenfalls durch Aggressivität und Impulsivität, jedoch können häufig noch dissoziale Verhaltensweisen hinzutreten, z.B. Stehlen, Schule schwänzen und von zu Hause weglaufen. Diese Jugendlichen haben außerdem ein erhöhtes Risiko zu Rauchen, exzessiv Alkohol zu trinken oder andere Drogen zu konsumieren.
Essstörungen (Anorexie und Bulimie)
Anorexie und Bulimie treten ab dem frühen Jugendalter auf. Häufig sind Mädchen von dieser Störung betroffen. Kennzeichnend ist die starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und einer starken Angst zu dick zu werden, bei einer verzerrten Körperwahrnehmung. Häufig leiden die Betroffenen unter Selbstwertproblemen und einer perfektionistischen Einstellung gegenüber ihren Leistungen und ihrem Essverhalten.
Bei der Anorexie schränken die Jugendlichen ihr Essen extrem ein, so dass häufig ein gefährlich niedriges Körpergewicht eintritt. In der Folge treten körperliche Schädigungen auf. 6 % der Patientinnen versterben an der Anorexie.
Bei der Bulimie kann ein normales Gewicht vorliegen. Die Jugendlichen nehmen bei Heißhungeranfällen sehr große Mengen Nahrung in kurzer Zeit zu sich und erbrechen diese dann. In der Folge leiden viele Mädchen unter Schuldgefühlen und zunehmenden Selbstwertproblemen. Sie versuchen ihre Ess-Brech-Anfälle vor anderen zu verstecken. Auch durch eine Bulimie können körperliche Schäden verursacht werden.
Schizophrene Psychosen
Diese mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 1:10.000 im Kindesalter nur selten auftretende, aber schwerwiegende Erkrankung weist je nach Alter der Patienten unterschiedliche Symptome auf. Charakteristisch ist der Verlust des Realitätsbezuges. Zudem können beispielsweise Halluzinationen, Wahn, Denkstörung, Antriebslosigkeit, Erregung, aber auch weniger eindeutige Anzeichen wie Ängste, Zwänge oder Störungen der Motorik und Sprache auftreten.
Häufig finden sich Stimmungsschwankungen mit Depressivität und/oder erhöhte Reizbarkeit. Rückzugstendenzen und eine Niveausenkung im Leistungs- und sozialen Bereich können beobachtet werden. Aufgrund des mangelnden Realitätsbezuges mit Störungen des Antriebes sowie Stimmungsschwankungen können Eigengefährdungen bis hin zu Suizidalität auftreten.
Posttraumatische Belastungsstörung
Eine posttraumatische Belastungsstörung kann bei Kindern und Jugendlichen als Folge eines äußerst schwerwiegenden Lebensereignisses mit starkem Gefühl der Hilflosigkeit auftreten. Ein besonders hohes Risiko haben Kinder und Jugendliche, die wiederholte oder längerwierige Traumata durch nahestehende Personen erlitten haben. Einmalige traumatische Erlebnisse, die ein gesundes Kind oder Jugendlicher mit stabilem Familienbezug erlebt, führen in den seltensten Fällen zu schwerwiegenden Störungen.
Eine posttraumatische Belastungsstörung tritt in der Regel mit einer Latenz von Wochen bis Monaten nach dem Ereignis auf, kann sich aber auch noch nach Jahren bei einer Retraumatisierung zeigen. Die posttraumatische Störung mit deutlicher Beeinträchtigung über vier Wochen äußert sich in einem Wiedererleben mit starkem Hilflosigkeitserleben der Ereignisse mit Flashbacks, Alpträumen, Tagträumen, bei Kindern mit wiederholtem Nachspielen der Situation, in Vermeidung von auslösenden Situationen sowie in einer Übererregung des autonomen Nervensystems mit Schlafstörungen, Überwachheit, Konzentrationsschwächen, Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, Depression und Angst.
Eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung kann einhergehen mit Gedächtnisverlusten, Dissoziationen sowie Somatisierung und Störungen der Wahrnehmung der eigenen Person und des Täters mit einem gestörten Wertesystem. Bei starker Symptomatik kann das Kind oder der Jugendliche seine Entwicklungsaufgaben nicht mehr wahrnehmen und bedarf einer spezifischen Therapie.
Die besten Ergebnisse erzielt die traumafocusierte kognitive Verhaltenstherapie.
Das Vorgehen in der Traumatherapie erfolgt strukturiert:
1. Trauma beenden
2. Sicherheit vermitteln
3. Grundbedürfnisse sichern, ggf. Schmerztherapie optimieren
4. Psychoedukation.
Danach kann ggf. eine spezifische Traumatherapie mit Stabilisierung, Exposition und kognitiven Interventionen erfolgen. Insbesondere unkomplizierte posttraumatische Belastungsstörungen zeigen unter diesem Vorgehen eine gute Prognose.
Bei komplizierter Belastungsstörung sind weitergehende Therapiemaßnahmen und psychosoziale Hilfen erforderlich.
Hilfreiche Tipps für Jugendliche
Hilfreich ist:
- Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen
- Den früher üblichen Tagesablauf bei zu behalten
- Ausreichend zu essen, zu trinken und zu schlafen
- Angenehme Dinge zu unternehmen
- Über das Ereignis und die eigenen Gefühle zu reden
Nicht hilfreich ist es:
- Alkohol und Drogen zu nehmen
- Übermäßig Fern zu sehen, Computer zu spielen
- Sich selbst und andere zu verletzen
- Dinge und Tätigkeiten zu vermeiden, die einen an das Ereignis erinnern.
Hilfreiche Tipps für Eltern, wie sie ein traumatisiertes Kind unterstützen können, werden im Folgenden genannt:
Der erste Schritt - Sicherheit vermitteln
- Nicht in das Kind dringen, aber Bereitschaft zum Gespräch zeigen
- Ehrliche Antworten zur Sachlage
- Kindgerechte Worte finden
- Wiederholte Fragen geduldig wiederholt beantworten
- Alle Reaktionen, Gedanken und Gefühle sind angemessen
- Keine unrealistischen Versprechungen oder Versicherungen geben
- Mit dem Kind nicht-sprachliche Wege finden, sich auszudrücken
- Kinder an den Reaktionen und Bewältigungsformen teilhaben lassen
- Nicht Vermeiden – Teilhabe z. B. an Beerdigungen, Erinnerungen an „schöne“ Zeiten
- Veränderungen im Alltag erklären
- Verlässliche und vorhersagbare Routinen wieder herstellen
- Dem Kind die eigene Abwehr und Bewältigung lassen
- Einen engen Austausch mit der Schule pflegen
- Mit der Rückkehr früherer traumatischer Erinnerungen rechnen
- Körperliche Symptome beachten
- Angemessene Kommunikation mit Verantwortungsträgern fördern
- Regression und Kindsein zulassen
- Wenn eine auffällige Symptomatik bleibt: baldmöglichst fachtherapeutische Hilfe suchen
Nach: Schepker R. (2006) in Anlehnung an die Empfehlungen der American Academy for Child and Adolescent Psychiatry (AACAP) 2001 (www.aa-cap-com)
Im „Ratgeber posttraumatische Belastungsstörung“ (Rosner, Steil 2009, Hogrefe Verlag) finden sich weitergehende Informationen.